Governing Bodies

Ein Konsumentensport wie Fußball ist ohne ein gesellschaftliches Gefüge, das ihn umgibt, beeinflusst und formt, das ihn mit Bedeutungszusammenhängen auflädt und das Sprechen über ihn prägt, nicht vorstellbar.1 Seit seinem Aufschwung zum Massenphänomen nach dem Ersten Weltkrieg treten gesellschaftliche Akteursgruppen mit einer jeweils spezifischen Erwartungshaltung an den Fußball in Deutschland heran. Mit anderen Worten: Dem Rasenspiel wird eine bestimmte Funktion in Hinblick auf eine bestimmte soziale Gruppe zugeschrieben. Im Falle der Angestellten etwa war ein „Anschlussbedürfnis (…) an die bürgerliche Kultur“ in Mitteleuropa entscheidend, während in Hinblick auf sich im Modernisierungsprozess transformierende regionale Mentalitäten die „mannigfache[n] Möglichkeiten zur Identifikation einer Region mit einem Verein“2 als ausschlaggebend bezeichnet werden können. Im Anschluss an Pierre Bourdieu erscheint der Fußball somit als ein „Konkurrenzfeld“, auf dem „eine Art Angebot“ produziert wird, das „auf eine bestimmte gesellschaftliche Nachfrage stößt“3

Welcher Aspekt des Fußballs in der Epoche seiner massenkulturellen Ausdifferenzierung betrachtet wird, stets unterlag er einer Bewertung und Sinn-Kontextualisierung durch eine oder mehrere Akteursgruppen, stets bildete er ein „Feld der Auseinandersetzungen um die Definition von Bedeutung“4 . Dabei können in der Regel drei am Fußballdiskurs partizipierende Gruppen voneinander getrennt werden: Zunächst jene von Bourdieu so benannten governing bodies, das heißt, jene Gruppe von Funktionären, Journalisten und Theoretikern, die sich während der Spezialisierungs- und Institutionalisierungsphase der Sportart ausbildete und in dieser Funktion Deutungshoheit über sportliches Geschehen reklamierte.5 Zweitens, die Politik – seit den frühen 1930er Jahren hauptsächlich repräsentiert in Funktionsträgern des nationalsozialistischen Regimes. 

Drittens schließlich, der sportliche Alltag, die Welt der Klubs und Fans.6 Jede der genannten Gruppen ist in der Lage, eigenständig auf dem Aneignungsfeld „Fußball“ in Erscheinung zu treten, grundsätzlich jedoch besteht zwischen governing bodies, Politik und Fußball-Alltag eine Konkurrenz, deren Austrag über die Dominanz im Diskurs entscheidet. Die eigentlichen Protagonisten des Spiels hingegen treten kaum als Akteure in Erscheinung. Der Kicker selbst ist in erster Linie Gegenstand des Diskurses. Nicht konstituierend für eine Gruppe freilich sind Zuordnungen der Sozialgeschichte. Auf den Begriff der „Klasse“ rekurrierende Bewegungen entwickelten ebenso wie soziokulturelle Milieus nur vordergründig eigene Rezeptionsweisen des Fußballs.7

Den einzelnen Akteursgruppen wiederum können spezifische Handlungsfelder zugeordnet werden, die ihrerseits Sinnhorizonte definieren: Pädagogik, Theorie und Organisation den governing bodies, staatliche Instrumentalisierung der Politik, Sport- und Konsumentenalltag den Klubs mit ihrer jeweiligen Fanbasis. Dabei konstituieren die Sinnhorizonte jeweils eigene Formen von Gemeinschaft: Vorstellungen eines über den Klassen stehenden völkischen Kollektivs waren für Funktionäre, Erzieher und Journalisten maßgebend – seit 1914 unter dem Terminus der „Volksgemeinschaft“ rezipiert. Für die Politik im 20. Jahrhundert trat die kulturpessimistische Variante gemeinschaftlichen Denkens hinter einen ordnungspolitischen Aspekt zurück, war die bei großen Fußballveranstaltungen scheinbar unkontrollierbare Masse durch Aufmärsche und öffentliche Inszenierungen in „Reih und Glied“ zu stellen. Für die Lebenswelt an der Basis schließlich war nicht ein disziplinarischer oder ordnungspolitischer Aspekt von Belang, wenn es um Gemeinschaft ging, sondern deren Potential, lokale Identität zu stiften – mit dem örtlichen Sportklub als Zentrum der Vergemeinschaftung. Wie kaum eine zweite Institution war der oftmals bereits seit der Jahrhundertwende vor Ort präsente Fußballverein geeignet, dem infolge von Migration und gesellschaftlicher Mobilisierung entwurzelten Individuum ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer neuen städtischen Heimat zu geben.8

Bleibt die Frage, weshalb sich governing bodies, Politik und Alltag ausgerechnet den Sprachraum „Fußball“ aneigneten. Eine Projektionsfläche, auf der sich die Disziplinierungsphantasien der deutschen Körperpädagogik hätten austoben können, stellte bereits das Turnen zur Verfügung. Massen in den Bann zu schlagen waren auch andere Sportarten, waren beispielsweise auch der Radrenn-, der Motor- und der Boxsport in der Lage.9 Letztlich dürfte die Fokussierung auf den Fußball darauf zurückzuführen sein, dass das Rasenspiel die Sportbegeisterung der (männlichen) Jugend in weit umfassenderer Weise anzusprechen vermochte als jede andere Form moderner Leibesübung. Auch wenn bei einem alljährlich stattfindenden Motorradrennen mehrere 10.000 Zuschauer zu registrieren waren – die Spitzenbegegnungen im Fußball verzeichneten Sonntag für Sonntag fünfstellige Besucherzahlen. Nicht die Mobilisierung der Masse an sich, sondern deren ständige Mobilisierung verschaffte dem Fußball seine Ausnahmestellung als Massen- und Kommerzkultur, als deren Kennzeichen nicht zuletzt ein auflagenstarker Fachzeitschriftenmarkt sowie die Popularisierung vieler Kicker als „Stars“ zu nennen wären.10

Der Preis freilich, der für die Vergemeinschaftung des Fußballsports in Deutschland auf drei Ebenen zu entrichten war, bestand in der Aufgabe seiner im bürgerlichen Liberalismus des 19. Jahrhunderts wurzelnden Idee der individuellen Freiheit – einer Idee, die im wahrsten Sinne verspielt wurde. 11

  1. Vgl. etwa: Jarvie, Grant/Maguire, Joseph: Sport and leisure in social thought, London, New York 1994, S. 9; Weiß, Otmar: Sport und Gesellschaft. Eine sozialpsychologische Perspektive, Wien 1990; S. 13.
  2. Nachweis der Zitate: Eisenberg, Christiane: Deutschland, in: dies. (Hg.): Fußball, soccer, calcio. Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt, München 1997, S. 101; Pyta, Wolfram: Einleitung: Der Beitrag des Fußballsports zur kulturellen Identitätsstiftung in Deutschland, in: ders. (Hg.): Der lange Weg zur Bundesliga. Zum Siegeszug des Fußballs in Deutschland, Münster 2004, S. 18.
  3. Vgl. Bourdieu, Pierre: Historische und soziale Voraussetzungen modernen Sports, in: Caysa, Volker (Hg.): Sportphilosophie, Leipzig 1997, S. 101 und 103.
  4. Marschik, Matthias/Sottopietra, Doris: Erbfeinde und Haßlieben. Konzept und Realität Mitteleuropas im Sport, Münster u.a. 2001, S. 19.
  5. Vgl. Bourdieu, S. 102f. und 107.
  6. Vgl. Oswald, Rudolf: „Fußball-Volksgemeinschaft“: Ideologie, Politik und Fanatismus im deutschen Fußball 1919-1964, Frankfurt a.M., New York 2008, S. 10.
  7. Vgl. ebd., S. 11.
  8. Vgl. etwa: Hermand, Jost/Trommler, Frank: Die Kultur der Weimarer Republik, München 1978, S. 75.
  9. Vgl. etwa: Hermand, Jost/Trommler, Frank: Die Kultur der Weimarer Republik, München 1978, S. 75.
  10. Vgl. Oswald, S. 15f.
  11. Siehe dazu den Leitartikel „Verspielte Freiheit“
Wege zu Kraft und Schönheit (1925) Alfred Braun http://verspieltefreiheit.de/media/pages/wiki/alfred-braun/0a3398300a-1720083332/praesentation_seite_44.jpg Auf dem Fußballplatz Bauhaus Bernhard Ernst Carl Koppehel Der Mittelstürmer für Hollywood http://verspieltefreiheit.de/media/pages/wiki/der-mittelsturmer-fur-hollywood/fd189f21b3-1720085604/cover-der-mittelsturmer-von-hollywood.jpg Die Eignung des Fußballspielers http://verspieltefreiheit.de/media/pages/wiki/die-eignung-des-fussballspielers/12a7913eed-1715606552/abb_262_die-ballbehandlung_des_fussballers.png Fritz Löhner-Beda Buchenwald-Lied Jedermann sein eigner Fußball http://verspieltefreiheit.de/media/pages/wiki/jedermann-sein-eigner-fussball/f679c42927-1720165241/jedermann_sein_eigner_fussball.jpeg Donaufußball WM-System http://verspieltefreiheit.de/media/pages/wiki/wm-system/de0cfd76d2-1719921004/wm-system.jpg Richard Girulatis http://verspieltefreiheit.de/media/pages/wiki/richard-girulatis/091a2f243c-1719865447/berliner_tufc_union_92_04-05.jpg Konrad Koch http://verspieltefreiheit.de/media/pages/wiki/konrad-koch/7a2345374e-1719910334/koch-unterricht.webp Deutsche Hochschule für Leibesübungen http://verspieltefreiheit.de/media/pages/wiki/deutsche-hochschule-fur-leibesubungen/39d8b00113-1719903330/csm_chronik_dshs-epoche1_seite_2_bild_0003_eccdcdad95.jpg Die taktischen Probleme des Fußballspiels http://verspieltefreiheit.de/media/pages/wiki/die-taktischen-probleme-des-fussballspiels/07b61da2d8-1719905527/img_7672.jpg Spielbewegung Sportwissenschaft Robert W. Schulte Fachamt Fußball Felix Linnemann Dr. Otto Nerz Sepp Herberger Willy Meisl http://verspieltefreiheit.de/media/pages/wiki/willy-meisl/e2530f97e4-1719924702/meisl_ullstein_culdawm014_web.jpg Eugen Seybold Berliner Fußballwoche Hugo Meisl Elf Freunde müsst ihr sein Ernst Werner Hakoah Wien Guido von Mengden Elf Fußball-Jungens http://verspieltefreiheit.de/media/pages/wiki/elf-fussball-jungens/ef47675649-1720085311/elf-fussbaljungens-cocer.jpg Fußball mit Menschenköpfen Walther Bensemann http://verspieltefreiheit.de/media/pages/wiki/walther-bensemann/52291e48a8-1720160945/walther_bensemann_1887_mit_ball.jpeg Richard Hofmann http://verspieltefreiheit.de/media/pages/wiki/richard-hofmann/de5a674f3a-1720164118/presse-hofmann-richard-ca.-1928-autogrammkarte.jpg kicker Was macht die Fußballbraut am Sonntagnachmittag?
projekt partner
gefördert von